Seit zwei Wochen bin ich um mein Smartphone reduziert. Was mir bleibt ist vorerst die leere Hülle.

Es wurde als von mir erhoffter Garantiefall wegen wackelnder Ladebuchse – so dass es nur mehr sporadisch oder gar nicht geladen werden konnte – eingeschickt. Vom Mitarbeiter der bearbeitenden Filiale wurde ich allerdings bereits vorbereitet, dass sich die Firma auf den Standpunkt stellen kann, der Schaden könne durch jeweils unsachgemäßes, z.B. schiefes Einstecken des Ladekabels – also selbst verursacht – entstanden sein.
Als ich erwiderte, er sehe dem gepflegten Gerät doch den sorgfältigen Umgang an, erhielt ich nur die Antwort, dass wenn ich das Ladekabel jeweils schräg einstecken würde, es immer noch einen gepflegten Eindruck machen würde.

Also abwarten…

In der Praxis bedeutet dies, sich relativ reduziert zu fühlen. Und das liegt in erster Linie an WhatsApp. Denn ich telefoniere kaum mit dem Smartphone. Und fürs Telefonieren hab ich nun als Übergangslösung ein chices Klapp-Phone aus einer früheren Zeit geliehen bekommen.

SMS oder Emails STATT WhatsApp erscheinen inzwischen fast steinzeitlich.

Auch die Möglichkeit der ständigen Erreichbarkeit des Internet für unterwegs oder beim Znüni, wenn mein Chef die Papier-Zeitung liest, fehlt mir. Manchmal ergab sich auch im Gespräch etwas, das ich sofort googeln konnte und damit das Gespräch bereichern. Zumindest kam mir das stets so vor. Ob es wirklich wichtig ist, den einen oder anderen Fakt jeweils unmittelbar verstandesmäßig abzuchecken, ist eine andere Frage.

Am Dienstag Abend bin ich dann mit einer Art Kopfgrippe krank geworden, so dass ich auch in dieser Hinsicht reduziert bin, obwohl bereits auf dem Weg der Besserung. Das lege ich unter „Erkenntnisgewinn mit somatischer Begleitung“ ab. Denn ich bin in einem Lebensthema, das mich schon lange belastet, zu einer wichtigen Erkenntnis über mich selbst gekommen und das „hat eingeschenkt“, wie sich die Schweizer auszudrücken pflegen, ist also mit starker emotionaler Beteiligung einher gegangen. So wie ich es momentan sehe, sollte allerdings durch diese Erkenntnis ein neuer Umgang damit möglich werden, was – gelinde gesagt – äußerst wünschenswert wäre.

Nun fühle ich mich aber nicht nur reduziert, sondern habe nebenbei Zeit mir – neue – Gedanken zu machen und auch die Möglichkeit, neue Wahrnehmungen an mich heran zu lassen.

Da ist einmal das Thema Presse und der Umgang damit. Auch wenn ich schon geraume Zeit kaum mehr Nachrichten im TV gucke und auch keine Diskussionssendungen mehr, so habe ich mir – mindestens zur Hälfte per Smartphone – die neuesten Meldungen von hauptsächlich zwei Online-Zeitungen reingezogen. Seit ein paar Wochen habe ich angefangen mich zu fragen, wie objektiv das sein kann, was mir über diesen Weg präsentiert wird.

Beispiel Chemnitz. Was kann man in diesen Tage nicht alles darüber lesen. Und wie zuletzt erwähnt, berührt mich das Thema. Heute habe ich mir einmal angehört, was die Leute dort vor Ort tatsächlich von sich geben (Dunja Hayali in Chemnitz). In dem ca. 40minütigen Video habe ich viel mehr erfahren, als ich je über die üblichen Nachrichten-Kanäle erfahren könnte. Wie z.B. die Tatsache, dass viele von denen, die mit der derzeitigen deutschen Asylpolitik nicht einverstanden sind, sich einerseits in den Medien absolut nicht repräsentiert sehen (da lesen sie täglich was Trump und Putin machen, aber nicht das über die ihnen wichtigste Innenpolitik, die sie umtreibt und die Folgen davon), sich andererseits tierisch darüber aufregen, ständig in die rechtsextreme Ecke gesteckt zu werden, worüber sie auch täglich lesen.

Und als ich heute im Treppenhaus die syrische Nachbarin traf, die im Sommer ihr zweites Kind bekommen hat – ich habe mindestens seit dieser Zeit weder sie noch das Baby zu Gesicht bekommen, letzteres auch heute nicht – merkte ich durch die Art des Gesprächs und ihre erneute Einladung sie zu besuchen, dass für echtes Verständnis viel viel mehr Reden nötig wäre. Gerade bei diesen syrischen Nachbarn hab ich bisher die Erfahrung gemacht, dass das Sprechen der gleichen Sprache noch lange nicht bedeutet, etwas voneinander mitzubekommen oder einander zu verstehen.

Was nützt es also, fragte ich mich heute, über bestimmte Nachrichtenportale zu lesen, was in der Welt los sei. Wer weiß schon, was jeweils wirklich hinter den Schlagzeilen steckt? Wir müssten viel mehr miteinander statt übereinander reden, wollten wir uns einer echten Verständigung auch nur annähern.

Dann hat mich in den letzten Tagen beschäftigt – und das zeigt, dass Nachrichtenportale nicht völlig vergebens oder nutzlos wären – was momentan über Google geschrieben wird. Auch wenn der erste Beitrag, den ich dazu las, innerhalb von ein paar Stunden aus meiner Wahrnehmung überarbeitet und durch zusätzliche Beiträge zum Thema von der Aussagerichtung her verändert wurde. Auch da: Keine Ahnung was dahinter steckt, man kann nur mutmaßen.

Ich habe mich in der Folge u.a. – mal wieder – mit alternativen Suchmaschinen beschäftigt und teste momentan DuckDuckGo. Allein schon, eine solche Maschine im eigenen Browser zu hinterlegen, braucht eine Online-Anleitung, um es auch zu schaffen.

Und ich probiere aus wie es ist, im Inkogknito- oder Private Modus zu surfen, damit Google nicht sämtliche Daten sammeln kann, auf welchen Seiten man sich bewegt. Auch da brauchte es eine kurze Online-Hinführung, wie man das überhaupt macht. Und ob das, was ich damit bezwecken möchte, auch wirklich so funktioniert, ist noch eine ganz andere Frage, wie das Thema mit dem Standortverlauf von Google Maps zeigt. Zwar kann man ihn im Smartphone deaktivieren, das heißt aber nicht, dass diese Daten von Google nicht tatsächlich trotzdem gesammelt würden, wogegen nun geklagt wird (inside-it.ch: USA: Klage gegen Google wegen permamenter Lokalisierung). Die Reaktion von Google darauf, wie im Beitrag zu lesen ist: Die Definition zu ändern, aber nicht die Funktion.

Google ließ sich – zumindest nach außen hin – erst durch Intervention der eigenen Mitarbeiter dazu bringen, vom Drohnen-Deal Abstand zu nehmen, bei dem es um ein Erkennungsprogramm für Drohnen ging, die u.a. lernen sollen wie sie Menschen erkennen, die sie dann abschießen können – was für eine Horror-Vorstellung (spiegel.de: Google will Drohnen-Deal mit dem US-Militär stoppen), weil sich das nun mal überhaupt nicht mit ihrem Verhaltenskodex „Don’t be evil“ verträgt.
Wie ernst sie das meinen zeigt sich darin, dass sie sich nun von diesem Verhaltenskodex verabschieden (golem.de: Google verabschiedet sich von „Don’t be evil“).
Nun glänzt Google noch durch den leeren Stuhl nach Einladung durch den US-Senat (zeit.de: Googles Politik des leeren Stuhls).

In irgendeiner TV-Sendung trat vor ein paar Tagen ein Mann auf, der in seinem neuen Buch davor warnt, welche Übermacht Konzerne haben. Sie diktieren was auf unsere Teller kommt und vieles mehr. Und als er gefragt wurde, warum er sein Buch dennoch über Amazon anbietet, meinte er, man kann sich gar nicht völlig rausnehmen aus diesem System. Auf die Frage, was er denn für Lösungsvorschläge gegen diese Tendenz habe, sagte er, in seinem Buch sei das ein recht dünner Punkt. Aber wenn er so danach gefragt werde, gäbe es ganz einfache Lösungsansätze, von denen er dann ein paar nannte. Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es um Entscheidungen und Regelungen, die die Politik vornehmen müsste.

Als ich heute bei zwei neuen Kleidungsstücken, die ich (das erste Mal) über Witt-Weiden bestellt hatte, die Etiketten entfernte, fand ich „Made in Bulgaria“. Und fragte mich wohin eine Welt führt, in der ich mir nur Kleidung leiste, die in Cambodia, India oder eben auch Bulgaria hergestellt wurde.

Was von all den Gedanken zu bleibenden Verhaltensänderungen führen wird, ist offen. Denn eines ist auch klar: Man kann nun mal nicht aus den bestehenden Systemen gänzlich ausbrechen und genauso leben wie vorher. Man kann sich aber auch grundsätzlich nicht aus dieser Welt herausnehmen.

Was also möchte ich in mein Leben, meinen gewöhnlichen Tagesablauf, übernehmen und mit den Konsequenzen davon leben? Was davon macht wirklichn Sinn? Und wie wird es meinen Alltag verändern?

Das wird die Zeit zeigen…

Und: Wie geht ihr mit all diesen Fragen um?

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