In den letzten Wochen hatte sie leise positive Veränderungen wahrgenommen.

Hatte sie z.B. bisher manchmal kritisch auf ihre kleinen Rundungen am Bauch geschaut, ging ihr Blick jetzt sogar im Badeanzug liebevoll an ihr herunter und sie konnte sich liebevoll so annehmen. Ein immer noch schön anzuschauender Frauenkörper. Wie gut das tat!
Oder sie bemerkte, wie ihre Hand wie von selbst liebevoll auf ihrem Bauch zu liegen kam und sie diesen bewusst spürte. Wie angenehm!

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Aber dann wieder diese altbekannte Blockade…!

Warum jetzt? Warum überhaupt wieder? Was soll das hier? War das nicht längst gegessen?

Aber alles Ärgern und Wehren half nicht. Da war es, ganz eindeutig. Nicht wegzureden. Nicht wegzudenken. Nicht zu ignorieren. Lästig wie Ungeziefer, aber unzweifelhaft da.

Nun gut. Der Tag war auch sonst schön. Es würde wieder andere Tage geben…

Am nächsten Tag das gleiche Gefühl. Der Körper wie im Tiefschlaf nicht präsent, blockiert. Ungeduld… Wut… Enttäuschung… Hilflosigkeit… Verzweiflung… Und da waren sie wieder, die altbekannten Folgen davon. Ping pong…

Sie versuchten es mit Gespräch, mit Verständnis, Verbalisieren der inneren Bilder dazu, bewusstem Hinfühlen.
Sie spürte tief in sich hinein. Und sah sowie fühlte zwei Bereiche in sich. Den lichten hellen einerseits und den dunklen Abgrund andererseits. Zwischen beiden eine Trennwand.
Zwei Pole des selben Themas.
Sie wusste aus Erfahrung, die momentane Spannung würde sich steigern, bis die Trennwand fiel und beide Bereiche zusammen fließen würden.

Sie kannte den lichten Bereich. Wo alles fließen konnte, sie sich gerne hingab, ihren Gefühlen nachgab und genießen konnte. Bei ihm auf Begeisterung stieß und sie sich gegenseitig anfeuerten, im Tanz vereint.
Und sie kannte die diversen Erinnerungen, die den anderen Bereich verdunkelt hatten und schwer werden ließen. Aber alles da drin kannte sie doch schon. Oder?
Warum war diese Blockierung jetzt gerade so präsent und undurchdringbar?

Er verließ sie für heute. Im Moment würde sich das nicht lösen lassen. Raum geben…

Sie nahm Platz auf ihrem Sofa. Die Nachmittagssonne schien herein und ließ alles im gleißenden Frühlingslicht erstrahlen. Sie wurde ruhig. Holte sich Schreibzeug und fing an zu schreiben. Alles was sie zum Thema präsent hatte.

Die Bilder und Gefühle, wie ihr Frausein begonnen hatte… Ein Bild nach dem anderen… Das war alles nichts Neues.

Aber dann, nachdem das alles durch war…
Bisher unbewusste, auch noch in ihr gespeicherte Zusammenhänge…

Wenn sie sich erlaubt Lust zu haben und zu leben, muss sie die Verantwortung dafür übernehmen. Da war ein tiefer Glaube, dass sie das gar nicht kann, weil Kinder und alles was daraus erwachsen kann… Wie könnte sie allein die Verantwortung dafür tragen? Sie kann doch nicht körperlich, psychisch und finanziell für Kinder aufkommen, alles zugleich. Und es gibt nichts womit sie einen Mann dazu bringen könnte für sich und Kinder gut zu sorgen.
Wenn sie es allein tut, Kinder aufziehen, ist sie überfordert und wird weder sich selbst gerecht noch den Kindern.

Über Kinder hat ein Mann sie u.U. in der Hand. Er kann ihr körperlich weh tun wie der Typ in jenem Leben, wo ihr Geliebter auf dem gesunkenen Schiff ertrunken war und sie von dem anderen samt ihrem ungeborenen Kind aufgenommen worden war. Zu einem undenkbar hohen Preis und unerträglicher Pein, wie sich herausgestellt hatte. Ein Mann kann ihr wie dort psychisch weh tun, auch wie ihr erster Ehemann und Vater ihrer Kinder in diesem Leben und wie ihr Ehemann aus dem vorletzten Leben. Sie und die Kinder im Stich lassen. Und dann drückt sie die Schuld so zu Boden, dass sie nicht mehr leben möchte. Im ersteren ist sie ins Wasser gegangen. Im späteren hat sie sich aufgegeben und ist bei einer gewollten Abtreibung gestorben. Auch im letzten Leben als Zigeunermädchen war ihr Leben durch Schwangerschaft verwirkt. Und um Schwangerschaft zu verhindern braucht es wieder (meist) Männer, nämlich Frauenärzte. Mit Sex liefert sie sich also der Macht von Männern aus und sie können sie auf diverseste Weise missbrauchen und sie konnte sich in der Vergangenheit nicht davor schützen. Der einzige Weg sich zu schützen schien Verweigerung von Sex. Wenn dann auch in einem einsamen und lustlosen Leben.

Die Menschheit zu heilen von solchen Erinnerungen braucht mehr als die eigene Sprache zu entdecken und zu sagen #MeToo – auch mir ist es passiert; mehr als Medien, die solches drucken, mehr als verständnisvolle Zuhörer und Diskussionen dazu, aber das alles ist immerhin ein Anfang.

Sich selbst heilen… Ist es nicht das, was jeder für sich tun muss, in dem er hinabschaut in seine eigene Seele, ob Frau oder Mann oder… Wahrnimmt, was dort drin gespeichert ist und wie dies geheilt und verwandelt werden kann.

Wenn es in der Vergangenheit eine Art Selbstverständnis für mich war, dass es meine Aufgabe und Verantwortung ist all meine Altlasten zu verwandeln, so wird mir gerade bewusster, dass es dazu immer auch ein Gegenüber braucht. Wir alle wollen gesehen werden. Wir alle wollen verstanden werden. Uns allen tun Mitgefühl und Unterstützung gut. Jeder muss seinen Teil für sich tun, aber er braucht dazu auch Mitmenschen. Die offen sind, bereit hinzuschauen, zuzuhören, mitzufühlen. Die bereit sind zuzulassen, dass ihre eigenen Schmerzen dabei tangiert werden. Zusammen können wir unendlich mehr bewirken als jeder in seinem Kämmerlein mit seinem eigenen Schmerz und seinen eigenen Erinnerungen. Ist das nicht die Essenz von Mensch sein?!

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