Gestern war mir etwas bange wegen des Gesprächs, das heute in dem kleinen Familienbetrieb anstand, in dem ich arbeite. Am meisten hoffte ich, dass nicht Belastungen auf mich zukommen werden, die mich überfordern.

Wie alles heute ausging, zeigt mir etwas über mich selbst; dazu aber am Schluss.

Momentan sind in diesem Betrieb noch 4 Leute beschäftigt.

Es handelt sich um den Chef als Geschäftsführer. Er macht Vollzeit und wenn nötig darüber hinaus; sein Fachgebiet ist die Herstellung der Stempelgummiplatten per Lasergerät (Hoch-/Tief-Ausfräsung), aber natürlich auch Beratung, Auslieferung von Ware in die nähere Region an zwei Tagen die Woche usw. usw.

Seine Frau B. half bisher in der Regel an zwei Vormittagen – nach Bedarf – mit. Sie setzt Stempel zusammen und macht Handstempel, die etwas aufwändiger im Herstellen sind.

Dann ist da noch die Schwägerin vom Chef, M., sie ist die Schwester seiner Frau. Sie macht nun seit vielen Jahren das Büro und den Laden und ist mindestens jeden Vormittag da gewesen, am Monatsende für Rechnungsabschlüsse oder bei Bedarf auch mehr. Sie war stets die gute Seele des Betriebs und hat vieles erledigt, das sonst liegen blieb, hatte immer einen Blick auf alles und sorgte dafür, dass der Laden läuft. Sie hat zu verantworten, dass ich 2013 eingestellt wurde und zu ihr hat sich auch eine private Freundschaft entwickelt.

Und dann bin da ich mit dem Hauptaufgabengebiet der Gravuren, aber auch Kundenberatung am Telefon oder im Laden bei Bedarf sowie ein paar andere Dinge. Mein Pensum sind 60% und die sind momentan verteilt auf zwei ganze Tage und zwei Vormittage mit freiem Freitag.

Ursprünglich hatte der Chef die Vorstellung, dass ich alles lernen soll. M. sorgte dafür, dass der Bereich sich klarer definierte. Wenn das Chef-Ehepaar in Urlaub ist, mache ich auch die Herstellung der Stempelgummiplatten, soweit möglich, damit das wichtigste weiter läuft. Komplizierte graphische Sachen muss ich ihm überlassen, da mir die Routine am Corel Draw Programm fehlt und es noch ein paar andere „Hindernisse“ gibt. Ich gehe auch mal zur Post oder zum Postfach, wenn nötig oder mache sonstige Botenfahrten mit dem Firmenfahrzeug, das ist aber eher selten. Die meiste Zeit mache ich in der Hauptsache meine Gravurarbeit, wozu sich im Laufe des letzten Herbstes immer häufiger auch die Ablage von Schilder- und Stempelaufträgen gesellte sowie das Einpacken zum Versand der Schilder.

Ich hatte meine Arbeit vom Onkel der Schwestern übernommen, der schon über 70 war und lieber arbeitete als daheim bei seiner streitbaren Frau zu sein. Irgendwann ließ es aber die Gesundheit und die altersbedingte Fehlerhäufigkeit als ratsam erscheinen, dass er doch tatsächlich in Rente geht.
Ich wurde sehr kurz von ihm für das Nötigste beim Gravieren eingelernt, ich glaube es waren zwei Wochen. Danach ging es mit „learning by doing“ weiter und immer wieder nachfragen.
Mein Vorgänger hatte mir ein ziemliches Chaos hinterlassen, so dass ich die ersten Jahre bei freier Zeit auch damit verbrachte meinen Arbeitsbereich aufzuräumen, zu putzen und neu zu strukturieren, so dass alles ständig Benötigte in Reichweite sowie sauber und geordnet ist. So kann ich am stressfreiesten arbeiten.

M., die gute Seele, war schon immer krankheitsanfällig, psychisch und körperlich, das ist die eine Seite. Andererseits ist sie eine Art Stehaufmännchen und hat einen unbändigen Willen. Sie hatte im Dezember einen Untersuchungstermin betreffs massiv aufgetretener Herzbeschwerden; dabei ging etwas schief und sie war bis letzte Woche krank geschrieben, nach Reha etc. Was passierte wird ärztlicherseits wie ein Herzinfarkt gewertet und behandelt und es entstand ein bleibender Schaden. Sie hat jetzt eine um mehr als die Hälfte verminderte Herzleistung und muss noch mehr Medikamente schlucken als davor schon. Im Laufe ihrer wochenlangen Abwesenheit wurde ihr auch sehr stark ihre Rolle in diesem Familienbetrieb bewusst und es entstand der klare Wunsch und das Bedürfnis, dass sie nicht mehr so weitermachen kann und will wie vor dem Vorfall, dass sie nicht mehr die Ausbüglerin sein kann für dies und das an allen Ecken und Enden, das schafft sie gar nicht mehr.

Das komplizierteste sind die familiären Verstrickungen, die es überall gibt, sich hier aber natürlich innerhalb eines Familienunternehmens auf ganz spezielle Weise niederschlagen. Jeder hat seine definierte Beziehung zu jedem anderen und die Konflikte zwischen den beiden Schwestern lagen in ihrer Unterschiedlichkeit. Da gab es über die Jahre wohl auch so einige Missverständnisse und Konkurrenzdenken mit der Folge, dass M. wie ihr letztes Hemd für einen vergleichsweise geringen Lohn für die Firma gab (ihre Rolle wurde schon in der Herkunftsfamilie entsprechend geprägt und von B. so übernommen), während B. Frau Chefin spielte, die am liebsten gar nicht soviel mit dem Geschäft zu tun haben mochte und auch nicht soviel davon hören wollte.

In den knapp 6 Jahren, wo ich da bin, lernte ich nun all das kennen und mit der Zeit immer besser verstehen. Durch die Freundschaft mit M. war ich eine Zeitlang geneigt, alles aus ihrer Perspektive zu sehen, verständlich. Aber mit der Zeit verstand ich auch B.’s Sicht immer besser, vor allem auch seit M. im Krankenhaus war und B. im Geschäft ganz anders mit ran musste und ich manches erfuhr, das mir ihre Perspektive viel besser verstehen half.

Was das für heute anberaumte Gespräch über die künftigen Arbeitsabläufe und die Organisation für mich etwas bedrohlich machte und mir zusetzte, waren die im Vorfeld intensiv aufgetretenen emotionalen Reaktionen. Am Montag gab es eine Art Standpauke von M., was sich künftig ändern müsse, damit sie ihre Arbeit überhaupt noch machen kann, in anderer Form als die letzten Jahrzehnte. Als B. nach ihrer Meinung dazu gefragt wurde, brach sie sofort in Tränen aus und meinte dann, es gehe keinesfalls jetzt sofort darauf zu antworten. Sie verstehe, dass sich etwas ändern muss, aber darüber kann nicht jetzt sofort gesprochen werden.

Sie kam am Dienstag unerwartet ins Geschäft, hatte sich beruhigt und nachgedacht, sagte wie die Standpauke auf sie gewirkt hatte, worauf M. in Tränen ausbrach. B. bot an, dass wir anderen 3 uns auf einen Gesprächstermin einigen sollten, wo man sich in Ruhe zusammen setzen könne und besprechen wie es weitergehen kann.

Das schwierigste war für mich immer das Zwischenmenschliche und Emotionale gewesen. Wir arbeiten auf engem Raum, in dem wir aneinander vorbei müssen und unter diesen Bedingungen braucht es immer wieder Good Will von allen Seiten und geklärte Fronten, sonst hält man es nicht aus. Wir sind alle auf unsere Art vorgeschädigt und bringen unsere entsprechenden Eigenheiten mit. Sicher brachte auch ich meine eigenen Emotionen mit ein – in diese Zeit fiel die Trennung von meinem Mann, wegen dem ich überhaupt in die Schweiz gekommen war, war manchmal launisch, regte mich über diese oder jene Geschäftspraktik und -taktik auf, über Chaos und Ineffizienz und – vor allem in der ersten Zeit – wäre ich manchmal einfach am liebsten auf und davon gelaufen.

Schließlich schaffte ich es aber, meinen Arbeitsbereich so zu organisieren, dass ich den Überblick habe und gewann auch in der Materie der Gravuren eine Art Souveränität. Wenn vom Chef nun Einwürfe kamen wie „probier doch mal dieses“ oder „machs doch mal so“, wusste ich die inzwischen einzuordnen und wusste es jetzt manchmal besser, so dass ich mir frustrierende weil nicht funktionierende Fehlversuche ersparen konnte, über die er sonst ein klein wenig schadenfroh in sich rein geschmunzelt hatte. Ein paar Mal die klare Ansage von mir: „Du kannst das gerne so probieren, wenn ich heute Nachmittag weg bin, aber ich sage dir, das funktioniert so nicht“, reichten, um die Fronten zu klären, so dass er mich dann machen ließ oder gar fragen kam: „Wie machst du eigentlich dieses oder jenes?“ Denn wenn ich Urlaub habe, muss er auch gravieren.

Vorgestern Nachmittag hatte ich noch ein langes Telefonat mit M., in dem sie in Tränen zerflossen erneut die Familiendynamik vor mir ausbreitete und darin zu versinken drohte. Inzwischen sehe ich aber genug klar, dass ich alles an den richtigen Platz rücken konnte, ohne mich unangebracht einmischen zu müssen. So kam sie rasch zu Ruhe und Klarheit und war daraufhin gestern bereit, sich auf das gemeinsame Gespräch alle zusammen für heute einzulassen.

Nun lief das Gespräch heute in geordneter ruhiger Atmosphäre; ich hatte die besten Gipferl beim Bäcker geholt, die wir in der Gegend kennen. Keiner wurde unangenehm emotional, keiner brach in Tränen aus, alle hatten vorher über die Sache nachgedacht und M. sagte, was neu organisiert werden muss, damit es für sie künftig möglich ist mit ihren jetzigen Einschränkungen da zu arbeiten. B. bot an, wann und wie sie einspringen kann und Sachen übernehmen. Und der Chef schließlich wurde von den beiden Schwestern mit Nachdruck darauf verwiesen, was im Arbeitsablauf von seiner Seite anders werden muss, um unnötigen zeitlichen Leerlauf zu vermeiden, damit Hand in Hand gearbeitet werden kann und die jeweils terminlich am dringendsten Aufträge zeitnah und mit dem geringsten Energieaufwand über den Tisch gehen und geliefert werden können.

Die Hauptsache spielte sich also zwischen den Dreien ab und betraf mich überhaupt nicht. An einer Stelle bot ich an es lernen zu können, die Archivierung der Papiere. Ein Teil muss 5 Jahre, ein Teil 10 Jahre aufbewahrt werden. Da wir das entsprechende Lager auswärts in einem Keller haben, bot aber die Frau des Chefs an, dort nun einmal mit hinzugehen und alles wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Künftig soll die Ablage dann monatlich aktualisiert werden, so dass gar nicht erst großer Rückstau entsteht, an den keiner mehr ran mag. Mir wird bleiben bei der Archivierung zu helfen oder sie schließlich ganz zu erledigen, d.h. das Umpacken der Papiere aus den Ordnern in die Archivschachteln, jeweils das Älteste rausnehmen zum Wegbringen. Alles was diesbezüglich in der Werkstatt nötig wird, werde ich mit der Zeit übernehmen.

Außerdem fegte B. heute durch die Werkstatt und machte Ordnung, wo bisher vor sich hingewurstelt worden war. Der vorhandene Platz zwingt zu einer gewissen Ordnung und Übersichtlichkeit, um arbeiten zu können. Bisher hatte B. sich da so gut wie ganz raus gehalten und M. war immer verständnisvoll und nachsichtig gewesen, auf ihre eigenen Kosten.

Was ich aus dem Verlauf des Ganzen für mich an Erkenntnisgewinn ziehe ist: Ich bin noch immer sozial leicht zu verunsichern, vor allem wenn es mit heftigen Emotionen zugeht. Bin manchmal zu schnell bereit Verantwortung für Dinge zu übernehmen, die nicht in meinem Bereich liegen. Fühle mich zu schnell zuständig, wo es andere angeht und habe Angst, Unzulänglichkeiten anderer zu meinen Lasten bis hin zur Überlastung ausagieren zu müssen.

Ich habe mich unangebracht unter Druck gefühlt. Die Strukturierung meines Arbeitsplatzes hat mich zwar einmal viel Energie gekostet, ist aber erfolgreich erledigt worden und hilft mir einen klaren Rahmen beim Arbeiten zu haben, in dem ich mich bewegen kann, ohne von chaotischer Arbeitsweise anderer angesteckt werden zu müssen. Ich habe also in der Vergangenheit in dieser Firma einiges richtig gemacht und mir damit eine Klarheit verschafft, die mich jetzt trägt. Auch durch so eine schwierige Phase, wie sie jetzt gerade aufgetaucht ist.

Ganz herzlichen Dank für Euren Zuspruch gestern Abend und heute Morgen, der hat gut getan❣

Zuletzt noch ein paar Fotos aus meinem Arbeitsalltag…

Spezielle Briefkasten-Profile, auf die der Name des Mieters graviert wird:

Die Schwierigkeit, angelieferte blau lackierte Teile zu gravieren, Maschinenteil kollidiert mit Erhöhung des blauen Teils:

Schmuckgravur lehnten wir bis vor kurzem ab und schickten die Leute damit zum Juwelier. Erstens wegen der Möglichkeit zum Einspannen an der Maschine und der damit verbundenen Gefahr der Beschädigung, zweitens wegen des Materials und benötigten Spezialfräsers.

Als kürzlich die Anfrage eines Stammkunden für eine größere Charge von Jubliläums-Uhren kam, erkundigte sich mein Chef beim Hersteller unserer Graviermaschine nach den Möglichkeiten und wir erwarben den benötigten Diamantfräser und die Spezialbacken zum Einspannen dieses Typs Uhren. Über das Ergebnis waren wir ziemlich happy.

Ein Foto für den Kunden über die vorhandenen Rot-Töne an Nitrofarbe:

Er beabsichtigte, dass wir für das Einfärben der Gravur der Schilder ein ganz spezielles, extra angemischtes Blau verwenden, das er anliefern wollte. Jedoch handelte es sich um Farbe auf Zwei-Komponenten-Basis, die für unseren Zweck äußerst unpraktikabel ist. Das sah er zum Glück rasch ein und wählte das vorhandene Rot.

Es gibt in meinem Arbeitsalltag ständig Neues und Herausforderungen, das macht es sehr abwechslungsreich. Manches wird gemeinsam besprochen, was und wie können wir umsetzen, welche Zeit brauchen wir dafür, was soll das kosten. Ich bin auch ständig in Bewegung. Einerseits sitze ich am PC und setze dort innerhalb der Graviersoftware das, was graviert werden soll. Die Daten werden an die Maschine geschickt, wo ich das passende Material eingespannt habe und im Sitzen die Gravur verfolge. Das Material wird von uns teils fertig eingekauft (spezielle Schilderprofile), teils selbst zugeschnitten oder manchmal auch vom Kunden angeliefert. Es ist immer was los, es gibt keine einseitige körperliche Belastung und es ist oft kreativer Spielraum bei der Arbeit, das mache ich wirklich gerne.

Meine Eltern hatten für mich etwas Besseres als handwerkliche Arbeit vorgesehen (sie haben beide eine handwerkliche Ausbildung). Sie waren stolz, als ich in einer großen Anwaltskanzlei oder später bei der Süddeutschen Zeitung gearbeitet habe. Als ich von der Zeitung mit Abfindung weggehen konnte, weil mich die innerbetrieblichen Hierarchien gestresst hatten, nahm ich mir eine Auszeit und fing an schöne Sachen mit den Händen selbst herzustellen und zu verkaufen.

Als ich in der Schweiz schließlich in diesem kleinen kreativen Betrieb beginnen konnte, schien vieles zu passen. Hier wurde bewusst eine Person ab 40 Jahren gesucht, damit sie mit den anderen zusammen passt. Auch wenn es ein beschwerlicher Weg war, bis die Umstände am Arbeitsplatz so waren wie sie jetzt sind.

Und da nichts für die Ewigkeit ist, wird der Betrieb voraussichtlich in drei Jahren geschlossen. Was dann kommt weiß noch niemand.

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