Als ich vor zwei Wochen mit meinem Mann auf der Autobahn unterwegs ins Wallis war (er fuhr), hatte ich Zeit einfach nur zu sein und die Ausblicke zu genießen.

Es war um den Genfer See herum, in französisch-sprachigem Gebiet, als mir ein Nutzfahrzeug mit Firmenschriftzug ins Auge fiel. Ich hatte vor ca. 30 Jahren in München eine Freundin, die einen Franzosen geheiratet hatte und deswegen genau so hieß, wie es auf dem Fahrzeug stand. Da ich Zeit hatte, googelte ich sie mit dem Smartphone und fand sie bei Facebook.

Da schwang bei mir immer noch ein wenig schlechtes Gewissen mit, denn unsere Freunschaft hatte einen abrupten Abbruch erfahren. Aber der Reihe nach…

Es war in der Endphase meiner ersten Ehe vor ca. 30 Jahren. Ich hatte bereits begonnen mich innerlich von den Zeugen Jehovas zu distanzieren. Meine erste Psychotherapie war zu Ende, ich war aber noch nicht am Ziel. Die Psychotherapie war in einem Umfang von 50 Std. genehmigt worden, das bedeutete 1 Jahr bei wöchentlich 1 Std. Als gemeinsames Ziel war zu Beginn definiert worden, mein Leben in Bezug auf die Religion und meine Ehe zu hinterfragen. Das war gründlich geschehen.

Was gemäß meiner inneren Entwicklung logischerweise folgen musste waren Konsequenzen daraus für mein Leben und ich fühlte, das würde ich noch nicht ohne Unterstützung schaffen. Aber die Therapie war zu Ende und was nun? Der Therapeut sah keine Notwendigkeit, eine Verlängerung zu beantragen.

Also nahm ich Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe auf, die sich im Sinne von Robin Norwoods Buch „Wenn Frauen zu sehr lieben“ traf. Dass wir am Ende jeweils im Kreis standen, uns an den Händen hielten und das sogenannte Gelassenheitsgebet sprachen, gab Kraft:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

In dieser Gruppe lernte ich u.a. G. kennen. Mit ihr entstand auch eine private Freundschaft. Sie war es, die mir half immer wieder Klarheit in mir zu schaffen, wenn ich nicht verstand, welche Dynamik sich in meiner Ehe abspielte. Sie war immer rasch zu einem Treffen bereit. So manches Mal saßen wir im Café Münchner Freiheit oder sonstwo und tauschten uns aus.

Sie lernte ihren Franzosen kennen. Ich trennte mich von meinem ersten Mann und durchlief das ganze Drama mit Sorgerechtprozess und Scheidung.

Irgendwann begann sie mit ihrem Mann in Deutschland die Wohnorte zu wechseln, da er beruflich mehrmals versetzt wurde. Immer war sie es, die alles aufgab und mit ihm ging. Aber es ging ihr zunehmend nicht gut in dieser Ehe, auch wenn sie sich an jedem Ort versuchte Kontakte und einen möglichen Job aufzubauen.

Wir schrieben uns immer wieder Briefe.

Schließlich war ich vom zweiten Langzeitpartner getrennt, holte das Abitur nach und wohnte in einer schönen Altbauwohnung im Münchner Westend. In dieser Zeit reifte bei ihr der Wunsch, sich von ihrem Mann zu trennen und evtl. wieder zurück nach München zu kommen. Sie suchte sich selbst wieder, suchte nach Wegen. Ich lud sie für übers WE zu mir ein, sie könne alles mit Abstand überdenken und sich unter Umständen in München wieder eine Wohnung suchen. Einmal nahm sie dieses Angebot an und verbrachte das WE bei mir und meinen Kindern. Aber die Zeit war für sie noch nicht reif zum Handeln.

Mehrmals fragte sie gegen Wochenende hin: „Ich möchte weg, weiß nicht wie, ich muss es machen wenn er nicht da ist, sonst schaffe ich es nicht, kann ich zu dir kommen?“. Sie spielte immer wieder mit meinem Angebot nach München zu kommen. Ich arbeitete 4 Tage/Woche bei der Süddeutschen Zeitung und hatte beide Kinder zu versorgen und es belastete mich, stets mitzudenken was es zusätzlich bräuchte, wenn sie übers WE kommt. Aber auch psychisch empfand ich die Gedanken als Belastung, dann jeweils auch noch für sie da zu sein. Noch zwei oder mehr Male kündigte sie ihren Besuch an, sagte aber jeweils kurzfristig wieder ab. Bis ich merkte, so geht das für mich nicht.

Ich schrieb ihr einen Brief, dass ich sie gerne weiter unterstützen möchte in ihrer Situation, aber mit diesem Hin und Her nicht zurecht komme. Wenn sie sich trennen und nach München kommen möchte, kann sie gerne bei mir als erste Anlaufstelle sein. Aber wenn sie ankündige zu kommen, dann soll sie das bitte auch tun oder aber weg bleiben. Das Hin und Her reibt mich auf.

Danach war Stille zwischen uns und ich hörte nichts mehr von ihr – bis ich mich jetzt in den Tagen nach der Erinnerung an sie auf der Autobahn entschloss, ihr auf Facebook zu folgen. Zunächst um zu sehen, ob sie die Freundschaftsanfrage annehmen kann. Das tat sie. Als sie dann auf den ein oder anderen Beitrag von mir reagierte, sandte ich ihr eine Nachricht, in der ich ihr erzählte, wie es dazu kam, dass ich mich an sie erinnerte.

Ich fand bei ihren Angaben, dass sie noch gar nicht so lange einen neuen Partner hat und nun offensichtlich in Karlsruhe lebt. Ich freute mich mit ihr.

Bis mir einfiel, dass ich ja dieses Wochenende nach Karlsruhe zu einem Seminar fahre und die Gelegenheit günstig wäre sie zu treffen und sich nach all den Jahren auszutauschen, wie es uns inzwischen ergangen war.

Sie fand das eine schöne Idee, ist aber selbst an diesem WE gerade weg zu einem Kurs, so dass es zeitlich nicht passt. Aber sie meinte es wäre schön, wenn wir Ausschau halten nach einer anderen Möglichkeit uns zu treffen, falls ich z.B. wieder einmal nach Karlsruhe käme.

Ich besuche zwar ein Seminar Numerologie Intensiv I, wonach es vermutlich weitere geben wird. Ich bin aber noch ambivalent, ob ich diese auch werde besuchen wollen. Das hängt davon ab, wie ich den Kursgeber wahrnehme, wie wohl ich mich mit ihm und der Materie praktisch fühle. Also ist alles offen…

Ich bin selbst überrascht, dass G. nach all den Jahren noch einmal in mein Leben tritt und bin gespannt, wann und wie wir eine Möglichkeit finden uns wieder zu sehen. Und ich bin sehr neugierig darauf, was aus uns beiden geworden ist und wie wir noch / wieder miteinander können. Es bleibt spannend…