(Fortsetzung von Frey sein: Umarmungen, Unterhaltung mit Jendra)

Liebe Jendra,

du hast gefragt: Wie sind Deine Weihnachtstage bei Deinen Kindern?

Sie waren gut. Wenn du etwas genauer wissen möchtest, frag nach.
Ich bin am 26. abends in die Schweiz zurück gekommen, zusammen mit meiner Tochter.
Heute bringe ich sie Mittags nach Zürich, wo sie den Zug nach München zurück nimmt.

Du schriebst: Du meinst also, dass das alleine (sich andere Lebensbedingungen wünschen) schon zeigt, dass man sich weiter entwickelt, auf seinem Weg bleibt? Das klingt beruhigend, irgendwie. Also nicht so, als würde „gar nichts weiter gehen“ (wobei mir klar ist, dass das auch so nicht stimmt!).

Das Wünschen anderer Lebensbedingungen müsste nicht zwangsläufig bedeuten, dass es Veränderung nach sich zieht, jedenfalls nicht gleich. Man kann sich andere Lebensbedingungen wünschen und dennoch scheinbar auf der Stelle treten, weil man keinen Hebel findet, etwas daran zu verändern und sich keine Hilfe sucht / suchen kann, um die Schritte die man tun könnte, auch tun zu können. Dann ergibt das u.U. eine Zeit des scheinbaren Stillstands. Aber ich glaube, auch im Stillstand bewegt sich etwas weiter, dann eben im Inneren. Manchmal reifen dort bestimmte Dinge heran, während im außen alles scheint wie immer und das eben nicht zufriedenstellend.

Dich schätze ich aber nicht so ein, als würdest du auf der Stelle treten, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass es sich zuweilen oder sogar im Moment für dich so anfühlen mag. Nach deinen Erzählungen suchst du dir das, was du brauchst, um Unterstützung in deiner Situation zu bekommen. Auch wenn die Corona-Umstände dich nun ein Stück weit ausbremsen und dir etwas von den Dingen nimmt, die du normalerweise unterstützend hast. Aber du hast die Hoffnung, dass die wieder möglich werden, sobald es die Corona-Umstände erlauben.

Zu deinem Aufsuchen einer Frau, mit dem du unterm Strich nicht ganz happy warst, möchte ich noch etwas sagen. Ich verstehe dich sehr sehr gut in dem, wie du dich nachher gefühlt hast. Aber diese Zeiten, wo man Menschen in der Hoffnung bezahlt, dass sie einem aus dem Moment heraushelfen, sind nicht umsonst. Man lernt dabei etwas. Und es führt einen eines Tages auch dahin zu merken, dass es an einem bestimmten Punkt keine Hilfe von außen braucht, sondern dass man selbst handlungsfähig(er) wird und auch weiß was zu tun ist. Bis dahin ist jede Hilfe, die man sich sucht, legitim und völlig verständlich. Zuweilen brauchen wir alle Menschen, die uns bestärken oder mit denen wir einfach mal sprechen können.

Zu meiner Bemerkung, dass die Frage halt immer sei, was die Seele vorhatte zu lernen in diesem Leben. Und welche Rahmenbedingungen dazu passen – fragtest du: Nur wie weiß man das, was „sie vor hatte“ und wie bekommt man die Rahmenbedingungen passender für sie hin?

Du hast es später selbst angesprochen, worum es geht und dass du verschiedenes dafür unternimmst: Die innere Stimme hören, dir selbst nah sein, dich nicht von der Aufmerksamkeit auf die eigenen Bedürfnisse ablenken lassen.

Es ist herausfordernd, wenn du Nachbarn hast, die sich mit ihrer Lebensart allzu fest bemerkbar machen und ich finde es eine gute Selbsthilfe, dann eben auch mal Ohrenstöpsel rein zu machen oder Musik zu spielen, die dich unterstützt und das andere übertönen oder ausblenden kann, um so lang wie möglich bei dir bleiben zu können. In deinem eigenen Flow, wo du dir nah bist und dich gut spürst.

Dass dir das zwischendurch Sorgen macht, ist doch klar. Aber du nimmst nicht passiv leidend hin. Du tust, was in dem Moment geht, um dich und deinen Raum zu beschützen. Das ist wichtig und gut!

Zu merken, dass es sensibel ist das Gleichgewicht zu halten, ist wichtig. Weil du dich dann drauf konzentrierst, es so lange als möglich zu halten. Also lobe dich selbst für die Zeitspannen, wo dir das gelungen ist! Wo du z.B. Wandern gehst und damit bei dir bist, etwas für dich selbst tust.

Du sagst, dass du aus deinen Freizeitgruppen zwei Menschen hast, zu denen es sporadisch Kontakt gibt. Aber dass du mehr brauchst und noch etwas anderes. Deine eigenen Bedürfnisse zu kennen, ist schon mal eine gute Grundvoraussetzung. Du wirst die Augen und das Herz offen halten für die Begegnung mit Menschen, wo mehr möglich ist. Und was das Herz angeht, manchmal braucht es noch eigene Entwicklungsschritte oder es muss erst etwas heilen, bis wir in der Lage sind es überhaupt wieder für andere zu öffnen.

Dein momentanes Dilemma, dass dich die Arbeit, um deine Wohnung und dein Leben finanziell bestreiten zu können, mehr fordert und von dir weg bringt, als dir gut tut und dass du dabei zu wenig Raum und Ruhe für dich selbst hast, ist sicher eines, das viele haben. Und ich kenne diese Lebensphasen auch sehr gut. Es ist nicht leicht da durch zu kommen. Aber ich glaube in solchen Lebensphasen gibt es wie eine Art Autopilot (die eigene Seele?), der uns hilft, das wichtigste dennoch im Auge zu behalten und sich erst mal durchzuschlagen. Bis alles soweit gedeiht, dass man mehr Entscheidungs- und Handlungsfreiheit erlangt. Es ist ein Prozess, der auch dann abläuft, wenn man zu fest eingespannt ist. Nur dass man das so „under pressure“ oft selbst nicht recht mitbekommt, manchmal erst im Rückblick sieht, welche inneren Qualitäten dabei vielleicht gewachsen sind und erstarken konnten.

Und ja, manchmal merkt man auch erst, dass sich innerlich etwas weiter bewegt hat, wenn bestimmte Sachen auf einmal gehen.

Finde ich wunderbar, dass du schon verschiedene Instrumente gespielt hast und dich momentan aufs Flötenspiel konzentrierst. Macht vielleicht Sinn, erst mal bei einem Instrument zu bleiben, obwohl ich da nicht wirklich mitreden kann, denn ich habe nie ein Instrument gespielt. Obwohl es durchaus den Wunsch gab, Klavier spielen zu lernen.

Ein Instrument spielen ist zweifellos schön und unterstützt vielleicht dabei, die „eigene Melodie“ bzw. die innere Stimme besser zu hören.

Ich hoffe, du hattest einen Aufenthalt mit der Familie, der dich ein wenig nähren konnte.

Du hast wegen meinem Job gefragt, ob die Aufträge stark zurück gegangen sind.
Man muss sagen, dass im Stempelgeschäft natürlicherweise das Geschäft kontinuierlich, wenn auch langsam, zurück geht. Stempel zu nutzen ist im digitalen Zeitalter etwas immer mehr verschwindendes, bislang aber ein schönes Handwerk, das durch die Nutzung von Krankenhäusern, Behörden und Firmen immer noch gebraucht wird. Und manchmal kommen auch neue Nutzungsmöglichkeiten dazu, sozusagen Retro. Nur machen die das Geschäft nicht fett, sie machen einfach Freude. Wenn z.B. jemand einen großen Stempel für Hochzeitseinladungen bestellt, weil ein Stempelabdruck in seinem unregelmäßigen Charakter einen eigenen Charme hat. Oder wenn kleine Unternehmer Stempel für das Bedrucken von Papiertüten für das Verpacken ihrer Waren bestellen.
Bei den Schildern ist es anders. Was immer läuft und gebraucht wird sind Briefkasten- und Klingelschilder im Zusammenhang mit Umzügen. Und da haben wir eine stetig wachsende Verwaltung, die alle diese Schilder bei neuen Mietern bei uns bestellen. Weniger konstant sind die zusätzlichen Aufträge für Parkverbotsschilder, Firmenschilder für die Hauswand etc.

Ja, das mit der Schweiz und ihren eigenen Gebieten mit anderen Sprachen war mir anfangs auch relativ ungewohnt. Es hatte für mich praktische Auswirkungen z.B. in der Tatsache, dass ich auf der Suche nach einem Bürojob Mühe hatte, weil dort meistens das Beherrschen wenigstens einer der weiteren Landessprachen Französisch und Italienisch gewünscht ist, wenn die Firma schweizweit agiert. Und wenn sie – weil die Schweiz sehr klein ist – international agiert, ist abschlusssicheres Englisch gewünscht. Ich kann mit meinen Fremdsprachenkenntnissen nicht soweit dienen.

Ansonsten nehme ich es so wahr, dass Schweizer sich stark mit ihrem Land identifizieren und da gehören dann schon alle Landesteile dazu, auch die wo andere Sprachen gesprochen werden. Das ist eine Art Selbstverständnis, wie wenn man als Frau Kinder von verschiedenen Männern hätte, die unterschiedliche Hautfarben und u.U. auch Sprachen sprechen würden, aber alles eben eigene Kinder sind.

In Lausanne wird französisch gesprochen und in Lugano italienisch.
Fühlen sich die meisten Leute dort dennoch als Schweizer/innen?

Ja! Ich habe zwar weder im italienisch-sprachigen Gebiet noch im französisch-sprachigen Gebiet gelebt, aber ja, ich gehe davon aus, dass auch diese Regionen sich durchwegs sehr als Schweizer fühlen.

Aber die Übergänge sind natürlich fließend. Genauso wie du in Deutschland die fließenden Übergänge zwischen den verschiedenen Dialekten hast, so ist das hier auch. Also die Gebiete, die an italienisch-sprachige anschließen, bekommen davon mehr mit und übernehmen mit der Zeit auch verschiedene Gewohnheiten, Gerichte und Sprachteile und haben ein besseres Verständnis der Mentalität. Ebenso bei den an die französisch-sprachigen Regionen angrenzenden Landesteile. Die Schweiz ist insofern Multi-Kulti-Land, aber man beschränkt sich dabei wirklich auf die landeseigenen Sprachen Schweizerdeutsch, Italienisch, Französisch und Rätoromanisch im Graubünden. Das alles gehört fest zur Schweiz! Alle anderen Sprachen und Volksgruppen sind, wie schon erwähnt, weniger akzeptiert und erwünscht.

So, du arbeitest heute wieder und vielleicht genießt du ein bisschen auch die Abwechslung zum Alleinsein. Dafür hast du in der zweiten Wochenhälfte nochmal mehr Ruhe für dich selbst.

Ich grüße dich herzlich
Marion

(Wir können in den Kommentaren weiter schreiben. Ich hab nur die Kommunikation hierher verschoben, weil sie langsam den Thread „Umarmungen“ sprengt, der einfach Aufhänger war.)